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Die natürliche Schiefe

Jedes Pferd ist von Natur aus schief und das wissen die meisten Reiter auch. Doch was das genau bedeutet, welche Schiefe das eigene Pferd hat und welchen Einfluss dies aufs Training hat, wissen sehr viele dann leider nicht mehr.
Das ist schade, denn viele sogenannte „Probleme“ sind keine Probleme, sondern lediglich Symptome der Schiefe.

Ein kleines Beispiel hierzu:
Ich komme häufig zu Reitern, die sich darüber ärgern, dass ihr Pferd auf einer Hand auf dem Zirkel oder in der Volte immer nach außen weg drängelt. Bei den Reitern hört es sich dann oft so an, als würde das Pferd das machen, um sie zu ärgern. Dabei ist genau das ein Schiefen-Symptom. Das Pferd kann körperlich erstmal gar nicht anders als auf einer Seite auszu-brechen wenn wir seine Schiefe nicht beachten.
Viele gehen nun her und zwingen das Pferd mit Gerte und Sporen die Linie zu halten. Das wird das Pferd auch recht schnell tun, um die unangenehmen Konsequenzen zu vermeiden, allerdings wird es dies wenn wir Pech haben durch ungesunde Ausweichbewegungen tun, da es die Forderung des Reiters anders noch gar nicht erfüllen kann. Ich habe dann also immer noch ein schiefes Pferd, das sich im schlimmsten Fall in einen fehlerhaften Bewegungsablauf flüchtet, was dann wiederum auf Dauer zu Verspannungen und Schlimmerem führen wird. Die Ursache (die Schiefe) wurde in diesem Fall nicht beachtet und nur das Symptom (nach außen Ausbrechen) kaschiert.

Um euren Pferden so etwas zu ersparen möchte ich euch nachfolgend einen Gesamtüberblick über das Thema Schiefe geben.
Wichtig vorab zu wissen ist insoweit allerdings, dass Pferde manchmal nicht typisch rechts hohl oder typisch links hohl sind. Es gibt hier verschiedene Abstufungen (also von sehr hohl bis nur leicht hohl) oder auch Mischformen bis hin zu der Besonderheit, dass die Schiefensymptomatik im Laufe der Ausbildung oder auch aufgrund einer Verletzung oder zeitweisen Blockade wechseln kann. Also dürft ihr euer Pferd nicht einfach in die links- oder rechtshohl Schablone pressen und für immer dort lassen, sondern ihr müsst immer wieder genau fühlen was unter euch passiert.
Das klingt jetzt natürlich etwas kompliziert, doch das ist es gar nicht. In diesem Artikel werde ich vom Normalfall ausgehen, also einem typisch links- bzw. rechtshohlen Pferd. Hat man diese Grundlagen verstanden, kommt man mit den oben genannten, viel selteneren Ausnahmen auch klar. Ich möchte mit dieser Anmerkung nur erreichen, dass ihr im Hinterkopf behaltet, dass es Ausnahmen und Besonderheiten geben kann und ihr nie vergesst zu fühlen statt nur Programme abzuspulen.

Begriffserklärung:
Es wird im Bereich der Schiefe leider mit den verschiedensten Begriffen gearbeitet, was es häufig unnötig kompliziert macht. Ich bevorzuge die Bezeichnungen hohle und steife Seite und werde diese deshalb auch benutzen, aber euch werden auch andere Begriffe in der Literatur begegnen, weshalb wir um eine kurze Begriffserklärung nicht drum rumkommen.

Wenn ihr euch das schiefe Pferd hierzu mal ganz vereinfacht als eine Banane vorstellt, ist die hohle Seite die konkave Seite, also die, auf die die Enden zeigen. Es ist quasi die mit der Innenkurve, denn hier ist die Banane zwischen den Endpunkten hohl. Die andere Seite, die mit der Außenkurve, also die konvexe Seite, wird auch steife oder händige oder eben auch Zwangsseite genannt.
Das Bild der Banane ist allerdings wirklich sehr grob vereinfacht und dient hier wirklich nur als kleine Eselsbrücke.
Insoweit unterscheiden wir dann außerdem auch noch zwischen sog. Links- und sog. Rechtshändern. Linkshänder sind Pferde die links steif und rechts hohl sind und Rechtshänder Pferde die rechts steif und links hohl sind.

Ursachen
Zur Ursache der Schiefe werden verschiedenste Dinge diskutiert, doch bewiesen ist bis heute nichts. Die Ansätze gehen von der Lage im Mutterleib, über die Lage des Blinddarms bis hin zu erblichen Komponenten.
Ich weiß natürlich auch nicht was wirklich richtig ist, allerdings halte ich die Blinddarmtheorie für falsch. Denn der Blinddarm liegt bei allen Pferden auf der rechten Seite und somit müssten ja dann alle Pferde auch zur selben Seite hohl sein und das ist nun mal nicht so.
Interessanterweise gehen Leute die nur mit großen Warmblütern zu tun haben aber oft davon aus, dass die meisten Pferde rechts hohl sind, denn das scheint bei diesen Rassen häufiger so zu sein (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Wer hingegen viel mit Iberern oder Quartern zu tun hat sagt, dass die meisten links hohl sind. Dies spricht für mich für eine vererbte Komponente.

Eigentlich ist die Ursache aber auch egal, denn es gibt bisher keine mögliche Ursache, auf die wir Einfluss nehmen könnten. Kommen wir also lieber direkt zum nächsten Punkt.

Symptome
Wie erkenne ich nun, ob mein Pferd rechts oder links hohl ist?
Hier gibt es viele verschiedene Hinweise, die man aber nie einzeln, sondern immer in ihrer Gesamtheit betrachten sollte.

Zum besseren Überblick stelle ich euch die einzelnen Symptome in einer Tabelle gegenüber.

Rechts hohles Pferd

Links hohles Pferd

Legt sich gerne auf den linken Zügel, während man am rechten nur schlecht Kontakt bekommt

Legt sich gerne auf den rechten Zügel, während man am linken nur schlecht Kontakt bekommt

Lässt sich rechts gefühlt leichter stellen und biegen

Lässt sich links gefühlt leichter stellen und biegen

Die Kruppe läuft nach rechts versetzt am Schwerpunkt vorbei

Die Kruppe läuft nach links versetzt am Schwerpunkt vorbei

Trägt den Kopf wenn man es lässt lieber rechts

Trägt den Kopf wenn man es lässt lieber links

Drängt auf Kreislinien und bei Wendungen über die linke Schulter nach außen

Drängt auf Kreislinien und bei Wendungen über die rechte Schulter nach außen

Schulter lässt sich einfacher nach links und Hüfte leichter nach rechts verschieben

Schulter lässt sich einfacher nach rechts und Hüfte leichter nach links verschieben

Pferd ist auf der rechten Hand schwerer von der Bandenanlehnung zu lösen, also nach rechts schwerer abzuwenden

Pferd ist auf der linken Hand schwerer von der Bandenanlehnung zu lösen, also nach links schwerer abzuwenden

Schulter und Kruppe sind links stärker bemuskelt

Schulter und Kruppe sind rechts stärker bemuskelt

Pferd kürzt linke Hand die Ecken stärker ab

Pferd kürzt rechte Hand die Ecken stärker ab

In Linkswendungen fällt das Pferd mehr auf die innere Schulter

In Rechtswendungen fällt das Pferd mehr auf die innere Schulter

Pferd setzt Reiter beim Leichttraben auf den linken Fuß und auch insgesamt mehr nach links (Reiter knickt dann eher rechts in der Hüfte ein)

Pferd setzt Reiter beim Leichttraben auf den rechten Fuß und auch insgesamt mehr nach rechts (Reiter knickt dann eher links in der Hüfte ein)

Rechtes Reiterbein kommt gut zum Anliegen während, es links eher absteht

Linkes Reiterbein kommt gut zum Anliegen, während es rechts eher absteht

Rechtszirkel fühlen sich bequemer an, aber Pferd neigt zum Ausbrechen auf der offenen Zirkelseite

Linkszirkel fühlen sich bequemer an, aber Pferd neigt zum Ausbrechen auf der offenen Zirkelseite

Beim Linkszirkel lehnt sich das Pferd mehr in die Kurve und kippt nach innen

Beim Rechtszirkel lehnt sich das Pferd mehr in die Kurve und kippt nach innen

Pferd galoppiert lieber rechts an, macht sich dann da aber schiefer

Pferd galoppiert lieber links an, macht sich dann da aber schiefer

Beim Anhalten steht meist das linke Hinterbein nach hinten heraus

Beim Anhalten steht meist das rechte Hinterbein nach hinten heraus

Beim Rückwärtsrichten ohne Begrenzungen weicht die Kruppe nach rechts aus

Beim Rückwärtsrichten ohne Begrenzungen weicht die Kruppe nach links aus

Fliegender Galoppwechsel von links nach rechts einfacher (andersrum wird häufig nachgesprungen)

Fliegender Galoppwechsel von rechts nach links einfacher (andersrum wird häufig nachgesprungen)

 

Ihr seht, viele eurer sog. Reitprobleme liegen einfach daran, dass euer Pferd nicht geradegerichtet ist. Arbeitet man an der Geraderichtung, muss man nicht an den Symptomen rumfuschen.

Am einfachsten könnt ihr euer Pferd testen, indem ihr Volten-Achten reitet. Dabei könnt ihr am schnellsten spüren, wo das Pferd reinkippt und wo es eher nach außen drängt. Auch werdet ihr hier schnell merken auf welcher Zügelseite der Kontakt konstanter bleibt.
Zudem helfen euch Übergänge oder der gezählte Schritt dabei zu merken wohin Ausweichbewegungen stattfinden.
Testet ihr es ohne Reiter legt euch am besten mit Gassen eine Quadratvolte und achtet darauf, mit welchem Huf das Pferd am häufigsten die Gassen streift. Dieses Bein weicht demnach von der Linie ab und müsste somit entweder das Vorderbein der steifen oder das Hinterbein der hohlen Seite sein.

Aber Vorsicht, die Symptome sind nicht immer klar und eindeutig alle für eine Seite vorhanden. Ihr müsst sehen was überwiegt und bedenken, dass ja auch immer noch andere Faktoren mit reinspielen wie Zum Beispiel eine akute Verspannung oder die nicht zu unterschätzende Schiefe des Reiters.

Auswirkungen der Schiefe
Muskeln, Sehnen, Bänder und Faszien sind auf der hohlen Seite verkürzt und ziehen diese Beckenseite dadurch weiter nach vorne. Die Muskeln sind auf dieser Seite zudem schwächer.
Auf der steifen Seite sind die Strukturen eher überdehnt. Außerdem kann die Schulter hier wegen der dauerhaften Überlastung eine Trittverkürzung aufweisen.

Das Hinterbein ist auf der hohlen Seite schwächer, da es einfach am Schwerpunkt oder gar am gesamten Körper vorbeiläuft und ein Tragen somit komplett vermeidet. Dieses Bein schiebt also nur und macht häufig sogar größere Tritte als das andere. Um die Lastaufnahme zu vermeiden hebt es nämlich schneller wieder ab. Dadurch hat das Hinterbein auf der steifen Seite wiederum weniger Zeit nach vorne zu kommen. Dieses tritt deshalb auch härter/abrupter auf und bewegt sich langsamer. Das kann so weit gehen, dass das Hinterbein der steifen Seite sogar die Beugephase auslässt nur um das andere Bein (das ja nicht tragen will) schneller wieder vor zu schieben. Weil das Bein dadurch weniger Zeit zum Vorgreifen hat, tritt es also kürzer und kommt auch nicht so zum Tragen wie es sollte.
In Extremfällen wirkt ein sehr schiefes Pferd deshalb sogar lahm. Ungeklärte Lahmheiten können also manchmal auch auf ein Schiefenproblem hindeuten und es gibt nicht wenige Pferde die als unreitbar galten und nach einer systematischen Geraderichtung doch wieder geritten werden konnten.

Dadurch, dass die Kruppe zur hohlen Seite ausweicht und die Last somit auf die Schulter der steifen Seite schiebt, landet das meiste Gewicht leider immer auf dem Vorderbein der steifen Seite. Korrigiert man dies nicht, kommt es hier häufig zu Überlastungserscheinungen wie z.B. dem Hufrollensyndrom. Doch nicht nur Knochenstrukturen können Schaden nehmen, auch Sehnen und Bänder werden natürlich überlastet. Geraderichtung ist also für die Gesunderhaltung jedes Reitpferdes immens wichtig.

Viele Reiter empfinden das Reiten auf der hohlen Seite erstmal angenehmer. Doch dieser Schein trügt. Es fühlt sich bei Stellung und Biegung zwar erstmal alles weicher an, aber die Anlehnung ist instabil und häufig überstellt sich das Pferd hier in den Übungen von selbst. Dabei kommt es dann wieder zum Drängen über die Schulter der steifen Seite und zudem oft zu einem so starken seitlichen Knick des Halses zur hohlen Seite hin, dass der Energiefluss zwischen Hinterhand und Vorhand unterbrochen wird. Der Reiter kommt dann mit Sitz-, Zügel- und Schenkelhilfen nicht mehr richtig durch. Zudem verpufft die Energie der Hinterhand seitlich am Pferd vorbei, potentielle Tragkraft geht verloren und ohne die unter den Schwerpunkt tretenden Hinterbeine kann das Pferd auch nicht korrekt über den Rücken arbeiten. Das Pferd läuft dann zwangsläufig verstärkt auf der Vorhand.
Auch eine korrekte Ausführung von Seitengängen ist auf der hohlen Seite viel schwieriger. Beim Travers tritt das innere Hinterbein zum Beispiel schnell zu weit nach innen und schiebt das Pferd wieder über die äußere Schulter. Im Schulterherein bekommen wir hingegen gerne zu viel Stellung und Biegung aber dafür die Schultern nicht von der Bande usw.

Auf der steifen Seite fühlt sich für den Reiter alles erstmal schwieriger an, gerade weil das Pferd sich hier gerne mal auf den Zügel legt und oft sogar verwirft.
Allerdings sind Seitengänge wie Traversalen und Travers hier zwar etwas schwerer zu erarbeiten, aber dafür auch weniger fehleranfällig, da das Pferd sich hier von sich aus nie zu stark stellen oder biegen wird.
Das Angaloppieren erscheint häufig auf der steifen Seite auch erstmal schwieriger, weil wir auf der hohlen Seite den Vorteil haben, dass Hüfte und Hinterbein sowieso schon mehr nach vorne innen gerichtet sind und wir dadurch dort eher den Handgalopp erwischen können. Ist man dann allerdings erstmal im richtigen Galopp gelandet kann dieser sich auf der steifen Seite angenehmer anfühlen, da er weniger schief ist, man also nie das Gefühl hat von der Kruppe innen überholt zu werden. Auch einige Ausnahmepferde scheinen den Galopp auf der steifen Seite manchmal sogar als angenehmer zu empfinden. Das könnte daran liegen, dass das innere Hinterbein im Galopp das vermehrt tragende ist und das Hinterbein der steifen Seite schließlich das Kräftigere.

Aber damit noch nicht genug der vielen Auswirkungen. Die Schiefe hat zusätzlich noch erheblichen Einfluss auf die Balance eures Pferdes und dadurch auch auf seine Losgelassenheit. Gerade ein Durchgehen junger Pferd resultiert häufig aus ihrer Schiefe und der Tatsache, dass sie sich mit dem Reiter nicht richtig ausbalancieren können und somit aus ihrer Sicht Gefahr laufen umzufallen. Die Gefahr zu stürzen bedeutet starken Stress für das Fluchttier Pferd.
Aber auch ältere Pferde, die ihrem Reiter gerne mal unter dem Hintern weglaufen sind häufig nicht richtig ausbalanciert und sehr schief. Sie kompensieren das dann über Tempo. Reitet man so ein Pferd mal betont langsam (z.B. im gezählten Schritt) wird man überrascht sein, wie sehr ein eigentlich für den Laien erstmal recht stabil wirkendes Pferd auf einmal ins Schwanken gerät.

Gedanken zur Ausbildungsskala
Wenn man diese ganzen Auswirkungen bedenkt, wird wohl jedem klar, dass die Geraderichtung des Reitpferdes für seine Gesunderhaltung unentbehrlich ist und viele Übungen erst für ein Pferd geeignet sind, welches auch einen gewissen Grad an Geraderichtung erreicht hat. Da ist es doch etwas verwunderlich, dass Geraderichtung erst Punkt 5 auf der Ausbildungsskala der FN, aber auch der EWU ist.
Viele Trainer sehen das allerdings anders und stellen Geraderichtung von Anfang an in den Fokus. Ich bin einer von ihnen. Denn eins ist doch klar, ein schiefes Pferd wird nie einen klaren Takt laufen können und auch Losgelassenheit ist ohne die nötige Balance doch gar nicht zu erreichen.

Man sollte insoweit bedenken, dass die Ausbildungsskalen ja erst sehr spät in der Geschichte der Reiterei entwickelt worden sind und zu einer Zeit, in der Reiten plötzlich Breitensport wurde. Man wollte hier dem Laien eine Richtschnur an die Hand geben.
Alle Punkte der Ausbildungsskalen sind durchaus wichtig und haben eine Berechtigung in diesen genannten zu werden. Allerdings ist das Bild der Stufen schlecht gewählt worden. Ich sehe sie deshalb eher als Säulen die alle gemeinsam das Fundament ergeben und die Geraderichtung ist die stärkste von ihnen.

Geraderichtung
Was bedeutet Geraderichtung überhaupt?
Geradegerichtet ist ein Pferd dann, wenn die Hinterbeine immer in die Spur der Vorderbeine fußen, auch auf gebogenen Linien. Zudem sollte die Last gleichmäßig auf den Schultern/Vorderbeinen verteilt sein. So lässt das Pferd den Reiter dann auch mittig zum Sitzen kommen. Ein geradegerichtetes Pferd lässt sich außerdem zu beiden Seiten gleichmäßig stellen und biegen.

Und wie erreichen wir das alles?
Jeder kennt den berühmten Satz von Gustav Steinbrecht „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“. Dieser Satz führt heut zu Tage leider dazu, dass man in den Reitbahnen ständig nur noch Pferde ewig lang über Tempo ganze Bahn durch die Halle traben sieht. Diese Reiterei richtet ein Pferd allerdings nicht gerade. Vielmehr bringt es ein schiefes Pferd ordentlich auf die Vorhand und somit ist dies leider sehr verschleißend für die Pferde. Klar, es gibt Pferde die halten das aus, aber wenn man sieht wie alt das durchschnittliche Reitpferd in Deutschland heut zu Tage so wird, gilt dies wohl doch nicht für all zu viele. Also einfach immer nur flott vorwärts reiten ist schon mal nicht die Lösung.

Wichtig ist es vielmehr die Tragkraft des Hinterbeins der hohlen Seite zu fördern, so wie die Biegung zur Zwangsseite, da dies die verkürzte hohle Seite aufdehnt.
Aber wie genau machen wir das?
Es muss insoweit asymmetrisch gearbeitet werden, was nicht bedeutet, dass wir auf einer Hand mehr reiten als auf der anderen. Aber wir reiten die Übungen auf der einen Hand anders als auf der anderen.

Die Grundlage bilden hier erstmal Kreislinien wie Zirkel, Volten oder Schlangenlinien. Auf der hohlen Seite reiten wir diese mit einem eher gerade gehaltenen Pferd oder besser sogar in Konterstellung (Achtung gerade auch bei Konterstellung immer wieder ans Nachgeben denken!), aber nie in Innenstellung.
Auf der steifen Seite stellen und biegen wir das Pferd hingegen ruhig deutlich nach innen.

Aber auch beim ganze Bahn reiten kann an der Geraderichtung gearbeitet werden in dem ihr auf der hohlen Seite auch die Konterstellung abfragt und auf der steifen Seite im Schultervor geht.
Beim Durchreiten der Ecken bietet es sich an, mit dem Pferd auf der hohlen Seite mal wirklich richtig eckig zu reiten, also ordentlich gerade gehalten tief in der Ecke abzuwenden, während ihr auf der steifen Seite zwar auch tief in die Ecke reinreitet, aber hier mit einer deutlichen Innenbiegung arbeitet.

Seitengänge sind außerdem sehr wichtig für die Geraderichtung und deshalb nicht nur den Dressurreitern vorbehalten. Jedes Pferd sollte sie erlernen, denn diese fördern Balance, Koordination, Beweglichkeit, Tragkraft und eben die Geraderichtung in einem Maße, wie andere Übungen es kaum können.
Das Schulterherein reitet man auf der hohlen Seite mit wenig Biegung und viel Abstellung, während man es auf der steifen Seite mit viel Biegung und wenig Abstellung reitet. Für das Konterschulterherein gilt das logischer Weise umgekehrt.
Das Travers sollte man auf der hohlen Seite erstmal vermeiden oder wenn nur mit wenig Biegung und Abstellung ausführen. Auf der steifen Seite kann es richtig geritten werden und dann auch gerne auf gebogenen Linien. Beim Renvers gilt ebenfalls wieder das Gegenteil.
Schenkelweichen macht mehr Sinn zu hohlen Seite hin, denn damit verschiebt man das Gewicht auf die weniger belastete Schulter. Macht ihr es zur Abwechslung auch mal zur steifen Seite hin, müsst ihr sehr aufpassen, dass das Pferd euch nicht über die äußere Schulter wegdrängelt.
Übertreten ist auch von der steifen zur hohlen Seite hin sinnvoller. Macht man es andersrum sollte man auf Biegung verzichten und das Pferd eher wie einen Uhrzeiger gerade durch den Kreis führen.
Weil die Seitengänge so einen großen Nutzen haben, falsch ausgeführt aber mehr Schaden als Nutzen bringen, habe ich beschlossen an diesen Artikel eine Serie zum Thema Seitengänge anzuschließen. Also wer mehr Anleitung zu den genannten Übungen braucht oder weitere Kombinationen haben möchte, muss sich noch etwas gedulden und auf die nächsten Artikel warten.

Wichtig bei der geraderichtenden Arbeit ist es immer sehr dosiert und mit vielen Pausen zu arbeiten um Verspannungen und Überforderungen zu vermeiden. Steigern Sie die Anforderungen nur langsam.
Widerstehen sie zudem der Versuchung die ausweichende Kruppe ständig mit dem Bein zurück schieben zu wollen. Natürlich soll das Bein ein ausweichen eigentlich verhindern, ist es aber passiert wird die Vorhand stets auf die Spur der Hinterhand ausgerichtet und nicht umgekehrt. Sie wollen Schulterkontrolle und kein Pferd, das lernt, wie es am besten mit der Hüfte einer Lastaufnahme ausweichen kann. Deshalb sollte auch jedes Pferd meiner Meinung nach den Neck-Rein lernen.


Wenn sie entsprechend arbeiten werden sie schnell eine erste Besserung der Schiefensymptomatik spüren. Insbesondere übrigens dann, wenn Sie sich nicht nur auf die Geraderichtung Ihres Pferdes, sondern auch Ihres eigenen Körpers konzentrieren. Viele Probleme an denen sie sich schon länger die Zähne ausbeißen werden dann plötzlich verschwinden.
Diese Arbeit wird uns aber trotzdem ein Leben lang begleiten, denn die Geraderichtung ist nie vollendet. Sie werden schließlich auch immer Rechts- oder Linkshänder bleiben, egal wie gut sie ihre gesamte Koordination und Motorik schulen. Ihre Händigkeit wird sich doch immer wieder bemerkbar machen. Und wir sind immerhin Wesen die bewusst an sich arbeiten können. Ihr Pferd geht nach der geraderichtenden Bahnarbeit aber nicht zurück auf die Wiese und überlegt sich, dass es sinnvoller wäre beim Spiel mit den anderen Pferden nicht immer über die selbe Schulter abzuwenden oder beim Grasen ab und zu auch mal mehr auf dem anderen Bein zu stehen.
Allerdings kann ich Sie beruhigen, denn es wird irgendwann trotzdem nicht mehr nötig sein ihr Pferd so extrem asymmetrisch zu arbeiten wie oben erklärt. Je mehr Balance und Beweglichkeit ihr Pferd durch die Geraderichtung erlangt, desto symmetrischer kann es dann natürlich auch irgendwann gearbeitet werden.